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Mera Peak – Gefühle auf dem ersten 6000er

Abenteuersuechtig und David

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Die Fortsetzung meiner Serie über die Besteigung des Mera Peak.
Die beiden vorherigen Beiträge findet ihr hier: Teil 1 – Trekking durch das Hinkutal & Teil 2 – Aufstieg zum High Camp

Das Warten hat ein Ende…

Mein Wecker klingelt um 00:30 Uhr. Genauer gesagt zeigt mir meine Uhr, auf die ich eh alle 15 Minuten schaue, denn ich bin eh wach. Die Uhr sagt mir auch, dass es Zeit ist, sich langsam aus dem warmen Schlafsack zu schälen. Außer David konnte keiner von uns drei wirklich schlafen. Martin und ich waren während dem Dösen mehr mit Hyperventilieren beschäftigt als geruhsam zu schlafen.

Ihr könnt euch das so vorstellen: Ihr sitzt ziemlich angetrunken in der Kneipe und nickt immer schon über dem letzten Bier weg. Alle 5 Minuten kommt der Kellner und fragt euch, ob ihr nicht noch was wollt.

So ging es mir auf 5.800 Meter im Zelt. Du bist todmüde, nickst weg und nach 5 bis 10 Minuten schreckst du hoch. Dein Körper sagt dir in diesem Moment, dass du nicht genug Sauerstoff bekommst. Kurz hyperventiliert und es geht wieder für weitere 5 Minuten. So wird eine Nacht von 5 Stunden verdammt lang, sag ich euch.

Breakfast at High Camp Mera Peak

Es ist nicht ganz so luxuriös wie bei Tiffanys, dafür mit einer besseren Aussicht auf einen glasklaren Sternenhimmel. Um 1:30 Uhr bringen uns die Sherpas das Frühstück, bestehend aus Haferschleim und Tee, ans Zelt. Die 45 Minuten vorher waren wir drei damit beschäftigt uns in dem kleinen Zelt zu organisieren. Alle mussten sich irgendwie ja anziehen. Das ist gar nicht so einfach, wenn sich immer nur einer bewegen kann und alles dreimal so anstrengend ist wie im Tal. Erstmal mussten die gewärmten Sachen im Schlafsack gefunden und die Daunensachen angezogen werden. Danach ging es mit den Innenschuhen in den kalten Außenschuh meines LOWA 6000ers.

Zuletzt wird dann irgendwie der Klettergurt und die Steigeisen angelegt. Dann kann es gegen 2 Uhr endlich Richtung Mera Peak Gipfel losgehen.

Lowa RD 6000 - mein Stiefel für den Mera Peak

Die Karawane zieht weiter

Bereits am Vorabend wurden wir in drei Seilschaften eingeteilt. Wili, David, Stefan und ich bilden als schnellste die letzte Seilschaft. Ein Blick in den Himmel zeigt mir, dass uns fast schon wie gewohnt ein toller, sonniger Tag bevorsteht. Leider haben wir aufgrund der sternenklaren Nacht auch Temperaturen um die -20 °C. Dazu kommt ein eisiger Wind mit Böen um die 60 bis 80 km/h. Das verspricht die nächsten Stunden wirklich spaßig zu werden .

Die drei Seilschaften ziehen los und unsere folgte als letzte. David und ich bilden das Schlusslicht. Fünf Minuten später stehen wir das erste Mal. Es sollte der Beginn einer Tortur durch eine eiskalte Nacht werden.

Sternenklare Nacht über dem Mera Peak von Khare

Zehn Schritte, Stehen, Frieren

…das ist also Höhenbergsteigen. SO hab ich mir das aber nicht vorgestellt.

Wir sind zwar die schnellste Gruppe, laufen den anderen aber immer wieder auf. Gerade ganz hinten stehen David und ich ständig und kühlen total aus. Langsam werden sogar die Zehen, trotz toller Bergschuhe, kalt und David spürt kaum noch seine Finger. Immer wieder wärme ich ihm mein zweites Paar Handschuhe vor und gebe es ihm dann im Wechsel. Unsere Körper zittern wie Espenlaub und wir beide kommen aufgrund des niedrigen Tempos einfach nicht in Tritt und fluchen ständig.

„Wenn das die nächsten zwei Stunden noch so weiter geht, dann erfriere ich an diesem Berg!“, denke ich mir und setze wieder einmal einen Fuß vor den anderen.

Die Kälte zehrt an unseren Nerven und die Gruppe ist merklich nervös. Erst verliert Brigitte ihren Handschuh, welcher kurz darauf im tiefen Schwarz einer Spalte verschwindet. Einige Zeit später wird unsere „Oldiegruppe“ auf einem leicht steileren Stück von einer Windböe umgeworfen, da die wenigsten sich richtig dagegen „gelehnt“ haben. Die Anspannung steigt ins Unermessliche. Während Wili mahnt, ruhig zu bleiben, kümmere ich mich um Ingo. Er hat bei dieser Panne seinen Stock verloren und kniet etwas verstört auf dem Boden.

„Ruhig bleiben und einfach konzentriert gehen!“, denke ich mir. Kurze Zeit später spreche ich es auch laut in Richtung Berg-Kameraden aus.

Diese Nervosität bringt keinen weiter. Nach einer kurzen Trinkpause beruhigen sich die Nerven und endlich kommen wir etwas in den Tritt.

Eine Stunde später. Severin und Markus müssen mit Mingma umdrehen. Die beiden haben nur normale Hochtourenschuhe dabei und aufgrund des langsamen Tempos derart kalte Zehen bekommen, dass bereits erste Anzeichen von Erfierung zu sehen sind. Schade für die zwei, aber wohl auch die richtige Entscheidung. Die Entscheidung zum Umkehren ist für einen Bergsteiger immer die schwerste.

David hat zwischenzeitlich von Jürgen eine weitere Jacke erhalten. Er sieht aus wie ein Michelinmännchen und ist immer noch damit beschäftigt, warm zu werden und mit mir in den Stehpausen zu kuscheln. 😉

Ein unvergesslicher Sonnenaufgang

Gegen 6:45 Uhr erleben wir dann auf rund 6300 Metern einen Sonnenaufgang, wie ich ihn noch nie gesehen habe!

Erst beginnen die hohen 7000er und der Everest sich von Osten langsam blau, dann lila und schließlich rot einzufärben. Anschließend ziehen die anderen Gipfel nach und wir blicken auf ein Wolkenmeer hinab, welches schier unendlich erscheint.

Der erste wärmende Sonnenstrahl trifft mein Gesicht. Es ist wie ein Kuss Gottes. Endlich Licht, endlich Wärme! Und gleich steigt unsere Motivation wieder an. Das erste Mal an diesem Tag wird mir warm.

Nun stört mich das langsame Stapfen gar nicht mehr. Ich bin mir das erste Mal sicher, es heute auf den Gipfel des Mera Peak zu schaffen. Ok, ich bin schon etwas kaputt von dem ganzen Frieren und merke auch die Höhe. Dennoch genieße ich jede Minute hier oben. Der Gipfel scheint so nah und greifbar!

Der Gipfelsturm auf den Mera Peak

Rund 50 Höhenmeter unterhalb des Gipfels erreichen wir gegen 7 Uhr ein Joch, kurz vor dem Anstieg zum Hauptgipfel. Hier machen wir nochmal Trink- und Essenspause bevor wir uns an die letzte Steilstufe wagen. 50 Höhenmeter klingt geradezu lächerlich, aber hier oben sind es gefühlt 1000! Dazu kommt, dass es einigen von uns nicht mehr ganz so gut geht.

Stefan aus unserer Seilschaft will nicht mehr weiter. Er stützt sich auf seine Stöcke und sagt, dass es nicht geht. 50 Meter unter dem Gipfel… David versucht ihn zu motivieren. Jetzt nur nicht aufzugeben! Die Anstrengung steht ihm sichtlich ins Gesicht geschrieben. Nachdem er sich zweimal übergeben hat, kann er aber offensichtlich weitergehen. Anschließend ist er umso stolzer, oben auf dem Gipfel zu stehen. Für den Everest muss er aber wohl noch vieeeelllllll trainieren. 😉

Ich selbst genieße die letzten Meter sehr. Wie eine Himmelsleiter ziehen sich die paar Stufen im Eis und Schnee auf den Gipfel. Nach wenigen Minuten zügigem Steigen stehe ich um 7:30 Uhr ganz oben auf dem Mera Peak. 6.461m! Was für eine Zahl! Mein erster 6.000er und dann gleich mit diesem atemberaubenden Panorama!

Fünf 8.000er winken mir zu. Unvorstellbar, dass der höchste davon nochmal rund 2.400 Meter höher ist.

Ein Gefühlscocktail überkommt mich.

Ich bin stolz, glücklich, kaputt, ruhig, fröhlich…. ich weiß gar nicht was alles noch. Wir machen Fotos und genießen das Panorama. Realisieren, was wir da gerade geleistet haben, das können wir alle noch nicht ganz.

Down, down, down – bis die Knie schnaggeln

30 Minuten später. Gegen 8 Uhr pfeift Wili zum Abstieg. Stefan soll aufgrund seiner Bergkrankheit nicht länger als nötig auf dieser Höhe verbleiben, daher geht es zügig hinab Richtung High Camp. Diesmal laufen die Seilschaften getrennt und so kann ich Tempo machen. Stefan torkelt zwischen David und mir mehr schlecht als recht hin und her, er braucht immer wieder Ruhepausen. Dennoch sind wir nach 1:30 Stunde wieder im High Camp, wo wir mit Essen und heißem Tee empfangen werden. Endlich können wir uns etwas erholen.

Langsam beginnt sie, die erste Phase der Realisation des Erfolges. Gegen 10 Uhr geht weiter. Nochmal 1000 Höhenmeter hinunter in unsere Lodge nach Khare, wo David und ich nach knapp drei Stunden, um 12:40 Uhr ankommen.

Bier, Füße hochlegen und Genießen

Elf Stunden haben Auf- und Abstieg mit Pausen gedauert. Eine schöne, ausgiebige Bergtour, wenn auch auf dieser Höhe für mich schon mit eine der bisher anstrengendsten. Die dünne Luft zehrt doch sehr an einem und gerade das Frieren macht einen wirklich mürbe.

Umso mehr genieße ich es, mittags dann endlich die dicken Schuhe auszuziehen. Ich lege die Füße hoch und genieße das Bergpanorama. Sogar ein kaltes Bier für 10 € habe ich mir gegönnt. Es sollte nicht das letzte heute sein. Viele der anderen legen sich aber erst mal ins Bett. Einige von ihnen haben doch noch mehr gelitten und gekämpft als ich.

Abends feiern wir ausgelassen und fröhlich das Erlebte und sind stolz, dass wir es fast alle auf den Gipfel geschafft haben. Nach dem erstem Wehmut können sich auch Severin und Markus mit uns freuen. Beim Gipfelschnaps ist Severin aber streng und verzichtet. Er überlässt uns großzügig seinen Flachmann. Danke nochmal an dieser Stelle und nächstes Mal klappt es bestimmt!

Trotz guter Stimmung, fallen wir müde gegen 20:30 Uhr in unsere Betten und einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Fazit

Die Gipfelbesteigung des Mera Peak war unvergesslich!

Noch heute träume ich von diesem Tag, dem 11.11.2016. Das Höhenbergsteigen ist wirklich eine andere Form des Bergsteigens. Alles ist anstrengender, langsamer und intensiver. Ein bisschen was von im Kühlschrank sitzen und Geld verbrennen hat es schon auch, wenn man alles so auf einen Berg ausrichtet.

Wili und die Sherpas haben uns gut geführt. Einzig am Gipfeltag hätte ich mir eine Gruppentrennung gewünscht, sodass schnellere hätten später aufbrechen und weniger frieren müssen. Alles in allem haben wir es aber fast alle auf den Gipfel geschafft. Unsere Taktik war also doch die richtige.

To be continued…

Meine Ausrüstung

Hier sehr ihr einen Teil meiner Ausrüstung, die ich während meiner Mera Peak Besteigung dabei hatte.

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Flo
Flo

3 Kommentare

  1. Günther Emlein sagt:

    LIeber Flo,
    großen Beifall und herzlichen Glückwunsch zu dieser Erfahrung, dieser Leistung und diesem eindrücklichen Erlebnis.
    In alter Verbundenheit und mit schönen gemeinsamen Erinnerungen.
    Günther

    • Flo sagt:

      Lieber Günther,
      ich denke oft an dich und unsere Touren zurück und irgendwie steigst du als „Mentor“ auch etwas auf jeden Berg mit mir hoch. Schließlich warst du es, der mir zugetraut hat diese Welt zu erschließen und mich auch ermutigt hat eigenständig Touren anzugehen.
      In 10 Tagen geht es vielleicht via Liongrat auf das Matterhorn wenn alles gut geht. Mal sehen!
      Liebe Grüße aus deiner Heimat,
      Flo

  2. Dani sagt:

    Hi Flo!

    Allererst: Gratuliere zum Mera Peak. Wir planen gerade ebenfalls Nepal und da ist mir dein Bericht eingefallen. 😉

    Zum Thema: „Einzig am Gipfeltag hätte ich mir eine Gruppentrennung gewünscht, sodass schnellere hätten später aufbrechen und weniger frieren müssen.“.

    Boah das kenne ich so gut! Wir sind beim Anstieg auf unseren ersten 6000er auch bei einer Schlüsselstelle in der „Schlange“ gestanden und ich war a) gefrustet ohne Ende, warum man da herumturnen muss wie auf Eiern und b) sind meine Zehen langsam abgefroren. Und die Finger. Seitdem bin ich immer extrem Kälteempfindlich auf den Fingern, aber gottseidank ist sonst nix passiert.

    Sehr schöne Fotos hast du mitgebracht! 🙂

    Lg
    Dani

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