Hochtourenurlaub in den Westalpen: Mont Blanc Gebiet
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Tour Ronde Südostgrat statt Nordwand

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Was für eine Nacht…

Es ist noch nicht einmal fünf Uhr, als Flo mich weckt. Zu dritt, kuschelig eng aneinander liegend, haben wir nach unserem Aufstieg gestern die Nacht im Zelt auf dem Glacier du Géant verbracht. Ich habe lange geschlafen, eigentlich seitdem er und Thomas gestern das Zelt aufgebaut hatten und dennoch bin ich alles andere als fit. Mein Kopf dröhnt und die Appetitlosigkeit von gestern ist auch noch da, von meinem normalen Heißhunger ist noch nichts zu spüren. Der Dent du Géant im MorgengrauenMehrmals in der Nacht bin ich durch das Donnern der Lawinen um uns herum aus dem Schlaf geschreckt, auch wenn wir in mehr als nur sicherer Entfernung zu allen Wänden des umgebenden Bergkessels unser Zelt aufgeschlagen haben. Dennoch ist es ein seltsames Gefühl zu wissen, dass hier überall um uns herum Eis und Steine aus den Wänden fallen und mehrere hundert Meter tiefer auf dem Gletscher liegen bleiben. Ich brauche eine Weile, um mich aufzuraffen und das erste Mal aus dem geöffneten Zelt zu schauen. Auch wenn ich im Moment auf alles andere Lust habe, als dort hinaus zu steigen, so beeindruckt mich doch der Anblick, der sich mir bietet. Wie von Feuer eingehüllt steht vor uns in der Ferne der Dent du Géant, einer der kleinsten, aber dafür einer der imposantesten der 4000er in den Alpen, der tatsächlich aussieht wie ein Zahn. Zur Sicherheit werfe ich mir erstmal eine Schmerztablette gegen den hämmernden Schädel ein, denn mit Kopfschmerzen auf die Berge zu kraxeln, darauf habe ich wenig Lust.

Raus aus den Federn, der Tag beginnt

Flo und Thomas kümmern sich netterweise um das Frühstück, beginnen damit, Schnee zu schmelzen und Tee zu kochen. Ich dagegen brauche eine Weile, um mich aufzuraffen und zu realisieren, dass wir heute endlich unsere erste Hochtoure im Alpenurlaub 2015 angehen werden. Von den Planänderungen am Vorabend habe ich nichts mehr mitbekommen, die habe ich komplett verschlafen… Eigentlich wollten wir die Tour Ronde Nordwand gehen, aber nachdem die beiden Jungs diese am gestrigen Nachmittag inspiziert haben war klar, dass wir uns etwas anderes überlegen müssen. Schon auf dem Weg zum Zeltplatz war uns aufgefallen, dass dort extrem wenig Schnee und Eis drin liegt und der Eindruck hat sich dann wohl bei einem genaueren Blick nur noch verfestigt. In dem Gully im mittleren Wandteil lief wohl sogar ein Bach herunter, von den ständig herabschiessenden Steinen ganz zu schweigen. Es wäre also reiner Harakiri gewesen dort einzusteigen.

Tour Ronde Südostgrat

Nachdem auch ich es aus dem Zelt geschafft hatte und wir beim gemeinsamen Frühstück sitzen erzählen die beiden anderen mir davon und dem Alternativplan, die Tour Ronde über den Südostgrat zu besteigen. Der Grat besteht zum größten Teil aus Felskletterei, meist in Zweier-, einzelne Stellen im Dreier-Gelände.

Auf dem Weg zur Tour Ronde. In der Nordwand sieht man kaum noch Schnee. Flo genießt die tolle Kletterei.

Oben auf dem Grat angekommen wird die Kletterei wieder leichter.

 

Wir bereiten also die Rucksäcke vor, schnallen uns die Steigeisen an die Füße und seilen uns an, dann kann es losgehen. Einen Teil des Weges, den wir gestern bereits hierher gelaufenen sind, gehen wir wieder zurück und biegen rechts ab Richtung Col D’Entrèves. Im Zickzack umschiffen wir ein paar Gletscherspalten und kurz bevor wir den Col erreichen steigen wir rechts in eine steile Schneerinne ein, die mit ein paar Felsen durchsetzt ist. Hinter uns sind zu diesem Zeitpunkt noch zwei andere Bergsteiger mit ihrem Schweizer Bergführer. Nach der Rinne halten wir uns links, die andere Seilschaft nimmt den etwas leichteren Weg rechts und überholt uns dadurch. Zwar waren wir langsamer, haben aber eine wirklich schöne und äußerst luftige Kletterpassage (wohl unteres Fünfer- Gelände) in unserer Route, die wir im Nachhinein nicht mehr missen wollen. Es ist schon Wahnsinn, wie gut man auf diesem Granit steht und sich selbst an kleinsten Felsvorsprüngen und in minimalen Rissen festhalten kann. Meine Kopfschmerzen sind mittlerweile übrigens verschwunden und so kann ich die Gratbeschreitung auch perfekt genießen.

An die schöne und knackige Passage schließt sich dann leichteres Gelände im zweiten Grad an. Wir folgen der logischen Linie des Grates, immer auf der Grenze zwischen Italien und Frankreich Richtung Nord-West. Der Grat ist bis auf wenige Teilstücke schneefrei, weshalb wir gut und leicht vorankommen, immer wieder vor uns sehen wir den 3792m hohen Gipfel. Über kleineres Geröll und große Granitblöcke bahnen wir uns den Weg bis an den Fuß des Gipfelschneefeldes. Die Seilschaft von vorhin kommt uns entgegen und wir kommen kurz ins Gespräch. Der Bergführer erzählt uns, dass wir unsere Rucksäcke am besten hier lassen und nur mit leichtem Equipment auf den Gipfel gehen sollen und berichtet uns von einem alternativen Abstieg durch eine Schneerinne, über die man abseilen kann und sich so einen großen Teil des Rückweges auf dem Grat erspart. Kurz darauf packen wir also um, lassen zwei der drei Rucksäcke liegen und nehmen nur die benötigten Dinge wie Kamera, Gipfelvesper usw. mit, als wir die letzten Meter zum Gipfel antreten. Nach dem Schneefeld folgt noch einmal eine kurze Kletterpassage, dann stehen wir oben auf 3792m direkt neben der Madonnen-Statue und freuen uns über unseren ersten Gipfel in diesem Urlaub!
Richtung Osten bietet sich uns eine beeindruckende Aussicht auf den Dent du Géant, den Dôme de Rochefort und die Grand Jorasses, direkt vor uns im Norden baut sich der etwa 100 Meter höhere Grand Capucin vor uns auf, rechts dahinter erblicken wir sogar noch die Aiguille du Midi und links von uns, im Westen, schauen wir auf den Monarchen, den Mont Blanc. Dieser will sich uns allerdings nicht so recht zeigen, denn der Mont Blanc und seine Nachbargipfel hängen in dichten Wolken und sind meist nur zu erahnen. Wir schießen ein paar Fotos und machen es uns gemütlich, das Wetter ist gut und wir brauchen uns mit dem Abstieg nicht zu beeilen. Unter uns, zwischen der Tour Ronde und dem Grand Capucin sehen wir zwei kleine Punkte, die sich bei genauerem Hinsehen als unser Zelt und das unserer Nachbarn herausstellen.
Thomas kurz vor dem Schneefeld Richtung GipfelDer Blick hinüber zum Grand Capucin. Unten rechts die beiden Punke sind unser Zelt und das der Nachbarn. Groteske Felsformationen, z. B. der hinter Flo stark überhängende Zahn. Hier noch einmal in der Nahaufnahme. Von links nach rechts: Dent du Géant, Dôme de Rochefort und Grand Jorasse.

 

Hinab durch den Wasserfall

Gipfel-Foto an der Madonnen-Statue. Dennis in der ersten Abseilstrecke.

Nach einer ausgiebigen Gipfelrast beginnen wir mit dem Abstieg, klettern vorsichtig den Felsteil hinab und steigen den Schneehang hinunter zurück zu unserem Rucksackdepot. Von dort aus folgen wir zuerst dem Weg, den wir gekommen sind, biegen dann aber kurz nach dem üblichen Normalweg links ab, um zu der besagten Schneerinne zu gelangen. Die Abseilstände sind schnell entdeckt und Thomas macht sich an die Arbeit, das Seil einzulegen und sich einzubinden, um sich als erster abzuseilen. Vier Abseillängen liegen vor uns und der Untergrund ist teils sehr locker, wir müssen also vorsichtig sein, keine Steine loszutreten, die den Vordermann verletzten könnten. Natürlich funktioniert alles reibungslos.

In der letzten Abseillänge, die uns wieder hinunter auf den Gletscher bringen wird, müssen wir durch einen kleinen Wasserfall, der durch das Schmelzwasser vom Grat über uns gespeist wird. Ich wundere mich noch, dass bei so wenig Schnee oberhalb von uns so viel Wasser hier hinunter kommen kann, während ich versuche, ein wenig seitlich versetzt vom Wasser abzuseilen. Der lose Untergrund und das Wasser haben sich längst am Seil festgesetzt und während es durch mein Abseilgerät läuft, höre ich den nassen Sand zwischen Tuber und Karabiner knirschen. Natürlich weiß ich, dass dabei nichts passieren kann, sich das Seil dadurch aber ordentlich einschleift. Kurz geht mir der Gedanke durch den Kopf, dass wohl in absehbarer Zeit ein neuer Karabiner fällig wird 🙂 Mit etwas Schwung schaffe ich es auch über die Randkluft und stehe kurze Zeit später unten bei Thomas. Wir laufen ein Stück zur Seite, um vor im Zweifelsfall hinabstürzenden Steinen geschützt zu sein, wenn Flo gleich als letzter in die vierte Abseillänge einsteigt. Es dauert nicht lange und auch er steht wieder bei uns, sodass wir den Weg zurück Richtung Zelt antreten können.

Ab durch den Wasserfall. Der Bergschrund unter dem Wasserfall.Ab durch den Wasserfall.

 

An unserem Camp angekommen sortieren wir unser Material und beginnen mit den üblichen Tätigkeiten beim Zelten auf dem Gletscher: Schnee schmelzen, Tee kochen und Essen vorbereiten. Wir spielen die verschiedenen Möglichkeiten an Touren für den kommenden Tag durch und Thomas wirft eine ganz besondere in die Runde, die Schweizerführe am Grand Capucin, einen der großen Klassiker hier im Gebiet und nur einen Steinwurf von unserem Zelt entfernt. Nach einigem Überlegen beschließen wir, es zu versuchen und morgen in die Tour einzusteigen und die Vorfreude steigt, während wir uns am Abend in unsere Schlafsäcke verkriechen, um für den nächsten Tag fit zu sein.

Die Artikelserie zum Alpenurlaub 2015

Dieser Artikel ist Teil zwei unserer Artikelserie zum Alpenurlaub 2015.
Teil 1: Hochtourenurlaub in den Westalpen: Mont Blanc Gebiet
Teil 3: Grand Capucin – Schweizerführe
Teil 4: Himmelsleiter: Der Rochefortgrat und Dent du Géant
Teil 5: Mont Blanc Überschreitung by fair means

GPS-Track

Hier noch der GPS-Track unserer Tour Ronde Besteigung:

Download

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Dennis
Dennis
Flachlandtiroler und Bergliebhaber! Im normalen Leben IT’ler, ab und an auch Klettertrainer, aber am liebsten selbst in den Bergen unterwegs. Ob im Fels oder Eis ist eigentlich egal, Hauptsache rauf da!

2 Comments

  1. […] Dieser Artikel ist Teil eins unserer Artikelserie zum Alpenurlaub 2015. Den zweiten Teil kannst du hier lesen: Tour Ronde Südostgrat statt Nordwand […]

  2. […] Dieser Artikel ist Teil drei unserer Artikelserie zum Alpenurlaub 2015. Teil 1: Hochtourenurlaub in den Westalpen: Mont Blanc Gebiet Teil 2: Tour Ronde Südostgrat statt Nordwand […]

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