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Himmelsleiter: Der Rochefortgrat und Dent du Géant

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Der Himmel auf Erden

Unsere erste Nacht auf der Hütte gestaltete sich erholsam, aber dennoch recht kurz. Um 4 Uhr weckt mich das sanfte Vogelgezwitscher und Wassergeplätscher meines esoterischen Weckers (wie Wu das liebevoll bei unserer letzten Bloggerskitour ausdrückte). Wir kriechen aus unseren Hüttenschlafsäcken und schlurfen nach einer kurzen Morgentoilette zum Frühstück. Es kommt uns hier auf der Hütte schon fast vor wie Luxus . Keinen Schnee schmelzen, stressfrei zwischen Kaffee und  Tee wählen und diverse kleine Snacks zum Frühstück, so sieht vermutlich der Bergsteiger-Himmel aus. 🙂 Wieder erwarten kriege ich diesmal sogar einiges herunter und stehe gegen 4:45 Uhr vor der Hütte. Nach ca. 200 Metern ist auch schon der Gletscher erreicht, wo ich feststelle, dass ich meine Sonnenbrille vergessen habe. Warum sollte ich auch noch in der Dunkelheit an Sonne denken, später würde ich diese allerdings brauchen, da der Wetterbericht und der unbewölkte Himmel einen traumhaften Tag versprechen und mir die gleißende Sonne auf dem weißen Gletscher ansonsten die Augen und Bindehaut verbrennen würden. Schnell spurte ich zurück und um 5:10 Uhr starten wir Richtung Rochefortgrat.
Morgenröte über dem Mont Blanc Morgenstimmung beim Zustieg

 

Aufstieg zum Dent du Géant und Rochefortgrat

Erstmal geht es sehr flach vom Rif. Torino über Ausläufer des Gletscherbeckens des riesigen Glacier du Géant Richtung Col du Rochefort. Den Weg bis dahin hatten wir ja bereits wenige Tage vorher erkundet, aber diesmal sind wir besser akklimatisiert und erreichen die Scharte, nach Aufstieg durch die rund 40 Grad steile Firnrinne auf rund 3400m, bereits nach 1:15 Stunde. Dort angekommen legen wir unsere Steigeisen ab und kurz eine zweite Frühstückspause ein, bevor es dann durch mehr oder wenig unangenehm brüchige Schotterpassagen immer wieder unterbrochen durch Kletterpassagen im 1. bis 2. UIAA Grad Richtung Fuß des Dent du Geant geht. Die Wegfindung auf dem sehr breiten Gratrücken gestaltet sich dabei doch recht schwierig. Es tauchen zwar ab und zu ein paar Steinmannerl auf, aber im Nebel möchte ich hier nicht herumirren, gerade weil das Gestein doch manchmal sehr bröselig ist und es an manchen Stellen doch g‘scheit abwärts geht. Nach 2:15 erreichen wir den Wandfuß des Dent du Géant, wo wir an dem dortigen Frühstücksplatz, der leider sehr zugeschissen ist (Leute warum geht ihr zum kacken nicht etwas weiter um die Ecke???), noch kurz einen Tee trinken und für den Rochefortgrat nicht benötigtes Material deponieren.

Eine luftige Angelegenheit

Gegen 8 Uhr starten wir dann die Begehung des Rochefortgrats.

Zu Beginn des Rochefortgrats

Rochefortgrat 2

 

Wir entscheiden uns, den Grat erstmal seilfrei zu begehen und nur die Felspassagen am laufenden Seil zu sichern. Der Grat selbst ist doch sehr ausgesetzt und kommt mir an manchen Stellen auch luftiger als am Liskamm vor. Insbesondere die häufigen Unterbrechungen durch Felsriegel und der damit verbunden Kletterei im II. bis III. UIAA Grad machen eine Begehung etwas anspruchsvoller aber auch abwechslungsreicher als am Liskamm.Der Grat selbst ist dafür kürzer, man muss ihn aber auch wieder zurück, außer man hat die Überschreitung zur Grand Jorasses geplant, welche noch eine Schippe auf diese Tour drauf setzt. 🙂 In der Mitte des Grates folgt dann auch noch ein 50 Grad steiles Firnstück, welches bei uns schon verhältnismäßig aper war. Es hängen hier aber zur Erleichterung ein paar Fixseile drin und auf dem Hinweg kann man an einem Stand abseilen, was wir auch tun.
Rochefortgrat 3Rochefortgrat Bergschrund des Rochefortgrats

 

Wir erreichen die mächtige Rochefortwechte zügig und machen uns daran, den Bergschrund zu überschreiten. Prinzipiell sind ja Firngrate recht spaltenfrei und daher kann man diese auch seilfrei begehen (auch weil am Grat bekanntlich wenig Sicherungsmöglichkeiten sind), der Rochefortgrat hingegen hat gerade an der Wechte und dem Bergschrund doch zwei mächtige Spalten, welche es mit Bedacht entweder seilfrei auf sicherer Linie zu umgehen gilt, oder man nimmt doch das Seil zur Hand und sichert. Im Zweifelsfall empfehle ich besser, etwas in die Flanke auszuweichen, als einen Spalten- oder Wechtensturz zu riskieren. Es wechselt sich immer wieder schmalste Firngratkletterei mit Felskletterei ab und die letzten 80hm bis zum Gipfel bewegt man sich nochmal fast senkrecht den Fels hinauf. Die Crux bildet hier ein kurzes Stück im III. UIAA-Grad. Nach weiteren 2:15 Stunden erreichten wir dann um kurz nach 10 Uhr den Gipfel des Aiguille de Rochefort (4001m), unseren bisher niedrigsten 4000er.
Gipfel Aiguille du Rochefort Fantastische Ausblicke auf den Mont Blanc

 

Der Gipfel selbst bietet kaum Platz für mehr als drei Personen und so kosten wir es umso mehr aus, dass wir ganz alleine hier oben sind. Wir verweilen einige Zeit auf dem Gipfel, genießen das tolle Panorama und begutachten die nahegelegene,  mächtige Grand Jorasses. Der Abstieg über den Grat gestaltet sich aufgrund der hohen Temperaturen und des immer weicher werdenden Schnees nicht gerade entspannter und so ist es doch das ein oder andere Mal ein Eiertanz, den wir hier oben in luftiger Höhe vollziehen. Wieder entscheiden wir uns, die Firnstücke seilfrei zu begehen und nur die Felspassagen sowie das 50 Grad steile Firnstück zu sichern. Nachdem wir die Felspassagen überwunden haben, teilen wir uns auf. Ich fühlte mich mental etwas müde und beschloss, mit Thomas am Seil zu gehen, während Dennis seilfrei den Rochefortgrat entlang watschelte. Man sollte im Leben immer einmal auf sein Bauchgefühl hören und gerade beim Bergsteigen, damit bin ich bisher noch jedes Mal gut gefahren, schließlich will man ja nicht am Ende der Tour noch etwas riskieren. Mir gibt diese Entscheidung und das Gehen am Seil an diesem Tag ein Plus an Sicherheit und um 13 Uhr, nach rund weiteren 2:15 Stunden für den Abstieg, kamen wir wieder alle gesund und munter am Frühstücksplatz an.
Blick zur Grand Jorasse

 

Der Zahn des Giganten

Wir genießen erstmal die Sonne und ein ausgiebiges Mittagessen bevor wir gemeinsam entscheiden, noch den Dent du Géant dranzuhängen. Das Wetter ist schließlich gut und stabil, die Tour mittlerweile frei (am Vormittag war hier wohl laut einer deutschen Seilschaft die Hölle los) und wir noch gut bei Kräften.

Rochefortgrat im Hintergrund der Dent du Géant
Der Zustieg von der Hütte hier hinauf ist zudem alles andere als schön, sodass wir uns diesen am nächsten Tag ersparen wollen. Nachdem wir unser Material erneut sortiert und ausgemistet haben, steigen wir gegen 14 Uhr in die Tour ein. In gewohnter Manier steigt Thomas wieder vor und Dennis und ich folgen in kurzen Abständen. Eingespielt wie wir mittlerweile sind, kommen wir zügig voran und die Kletterei in feinstem Granit ist in der Tat umwerfend.

Einzig die dicken Taue, welche für die wenig geübten Kletterer die Tour erleichtern sollen, verschandeln doch etwas diesen tollen Berg und die wunderschöne Route auf den Dent du Géant. Da man sich immer nahezu rechts des Grates bewegt, wo der Dent du Géant doch weit nach unten senkrecht abfällt, ist die Kletterei auch luftiger als sie aussieht. Tiefblicke und gigantische Ausblicke sind garantiert. Wir werden mit richtig toller Kletterei belohnt und bei der ein oder anderen Stelle im V. UIAA-Grad muss man auch mal richtig anpacken.

 

zu Beginn der Burgener Platte am Dent du GéantAussicht Dent du Géant

 

Nach 7 Seillängen und gut 2 Stunden stehen wir um ca. 16:15 Uhr auf dem Südwestgipfel (Point Sella, 4009m). Kurz zuvor haben wir auch die letzte Seilschaft eingeholt, welche sich gerade zu dritt damit vergnügt, den 4 Meter höheren Nordostgipfel (Point Graham) zu besteigen.
Dennis beim Sichern am Dent du Géant Kurz vorm Gipfel des Dent du Géant

 

Ein Blick in den mittlerweile dunklen Himmel gibt uns allerdings zu denken und veranlasst uns letztendlich dazu, nicht noch 30 Minuten zu warten bis die andere Seilschaft wieder vom Nordostgipfel runter ist, um hinaufzusteigen. Dann hätten wir die Seilschaft in der Abseilpiste  nämlich auch vor uns gehabt. Stattdessen begnügen wir uns mit diesem Gipfel und machen uns daran, die  drei langen Seillängen (jede rund 55m) über die Südwand abzuseilen. Der Wandfuß erreichen wir um kurz nach 17 Uhr , packen unser Zeug zusammen, nehmen die Seile auf und machen uns dann zügig an den Abstieg. Nach 2 Stunden und insgesamt 14,5 Stunden an diesem Tag, erreichen wir dann um 19:45 Uhr etwas müde aber sehr glücklich über diese durchaus anspruchsvolle und lange Tour auf zwei 4000er das Rif. Torino. Die Küche ist so nett, uns trotz Verspätung noch ein Abendessen auf unsere Teller zu zaubern, welches wir gierig in uns hinein schlingen und mit dem einen oder anderen Gipfelbier wegspülen.
Ausblick nach Chamonix Flo beim Abseilen am Dent du Géant

 

Fazit und Hardfacts

Rochefortgrat, ZS und II.-III. UIAA-Grad, ca. 600m auf dem Grat und diese wieder retour, unsere Zeit: 4,5 Stunden (+30 Minuten Pausen).

Dent du Géant, S und V+ UIAA-Grad oder ZS, III/ A0, rund 230 Klettermeter, 7-8 SL, unsere Zeit: 2:15 Stunden in 3er-Seilschaft (+45 Minuten Abseilen)

Eigentlich sind sowohl der Rochefortgrat als auch der Dent du Géant eine Tour für sich und auch dieses wert. Der Zustieg über den schuttigen Gratrücken zum Dent du Géant und auch Rochefortgrat ist allerdings alles andere als kurz und schön, sodass wir konditionsstarken Bergsteigern und Kletterern empfehlen, beide Touren zusammenzuhängen und an einem Tag zu bewältigen. Wenn man früh genug startet ist dies auch ohne Probleme möglich. Die Ausblicke, sowohl vom Grat als auch vom Dent du Geant, sind mächtig und wir können diese Touren nur jedem Gratliebhaber ans Herz legen! Aufgrund der Ausgesetztheit und der schwierigen Sicherungsmöglichkeiten sollte man allerdings schon in der Lage sein, den Grat auch seilfrei zu meistern bzw. über die benötigte mentale Stärke verfügen. Wenn dies alles gegeben ist, dann steht einem einträglichen Erlebnis nichts mehr im Wege. Während des Abstiegs über den Glacier du Géant kann man bei warmen Temperaturen tagsüber und fortgeschrittener Zeit schon recht tief im Schnee einsinken, wobei hier aufgrund der Flachheit des Gletschers nicht allzu viele große Spalten vorhanden sind. Weicher Schnee stört daher nur bedingt.

Die Artikelserie zum Alpenurlaub 2015

Dieser Artikel ist Teil vier unserer Artikelserie zum Alpenurlaub 2015.
Teil 1: Hochtourenurlaub in den Westalpen: Mont Blanc Gebiet
Teil 2: Tour Ronde Südostgrat statt Nordwand
Teil 3: Grand Capucin – Schweizerführe
Teil 5: Mont Blanc Überschreitung by fair means

GPS-Track

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Flo
Flo

4 Kommentare

  1. Günther sagt:

    Hallo Ihr zwei,
    zwei tolle Touren – vor Euch ist kein Berg mehr sicher… Ihr seid schon sehr fit. Und man spürt Euren Berichten an, wie viel Spaß Ihr habt. Die Fotos zum Rochefortgrat zeigen, wie die Verhältnisse sich in 10 Jahren verschlechtert haben: Der Grat ist schmaler, die Ausaperung verlangt Kletterfähigkeit, der Gipfel ist kleiner. Ich bin den Grat 2005 gegangen. Bis auf die Stelle, wo heute die Fixseile liegen, war alles „leicht“, fast nur Gehgelände, der Grat an den meisten Stellen breit genug für gemütliches Gehen, kein Bergschrund, keine Löcher. So kann ich jetzt Flo’s mündlichen Bericht nachvollziehen.
    Bleibt den Bergen und dem Leben treu.
    Herzlich, Günther

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