Gedankenspiele: Hartes oder Schönes klettern? Oder beides?
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Trailrun auf das Stockhorn
26. Oktober 2016

Als ich zum ersten Mal von der Gebirgskette der Gastlosen las, lag Dennis erschöpft nach unserer Mont Blanc Überschreitung neben mir in der Therme in Courmayeur. Gastlosen… ich hoffte inständig, dass hier Name nicht Programm ist. Der Kletterführer hingegen versprach Kalkwände satt und wundervolle Linien, welche durch die Geduld des über Millionen Jahre an ihm runterfließenden Wassers strukturiert waren. Das mussten wir uns doch mal genauer anschauen und so zog es uns bereits 2015 das erste Mal in die Gegend des glamourösen Gstaad und auf den idylischen Jaunpaß. Dass wir dieses Jahr Wiederholungstäter wurden und sogar ganze vier Nächte dort verbrachten, spricht dafür, dass die Gastlosen doch gar nicht so gastlos sind.

Cloudy but pretty: Die Idee der Umrundung der Gastlosen

Als wir nach einem langen aber gemütlichen Reisetag vom Sustenpass am Jaunpass ankommen, empfängt uns der Chef des Campingplatzes gleich ganz herzlich. Man erinnert sich offensichtlich an uns…ist das jetzt gut oder schlecht?

Schnell steht das Zelt am gewohnten Platz auf der kleinen Zeltwiese, die Küche ist im nahen Blockhaus eingerichtet und mir kommt es so vor, als ob ich gar kein Jahr weg gewesen war.

Den Abend nutzen wir im gemütlichen Aufenthaltsraum mit W-Lan fürs Bloggen und Brainstormen für die Weiterentwicklung des Blogs. Während ich dabei so über das Trailrunning philosophiere, schlägt Dennis vor am nächsten Morgen aufgrund des wechselhaften Wetters doch eher eine Runde laufen als klettern zu gehen. Wie ihr mich kennt, musste er mich da nicht lange motivieren. Außerdem war da noch dieser Flyer neben mir auf dem Tisch, welcher eine 2-Tages Wanderung um die Gastlosen beschrieb…25km, 1400 Höhenmeter einmal um das gesamte Gastlosenmassiv. Ich dachte mir schon den ganzen Abend, das muss doch auch an einem Tag locker machbar sein. Dennis wollte allerdings lieber was kurzes und direkt von der Passhöhe starten, quasi am Zelt los. Um die Umrundung nicht zu verlieren, arbeitete ich halt noch 10km und 600 Höhenmeter als weitere Schleife aus und schwups war die Gastlosenumrundung perfekt.

Eh viel schöner, wenn man sich erstmal noch aus der Ferne das Massiv, welches man umrunden möchte anschauen kann und drei Stunden später dann schon mittendrin steht.

Die Gastlosen-Umrundung

Am Abend tat ich die Idee noch als Blödsinn ab, aber insgeheim kribbelte es mir schon unter den Sohlen. Ich weiß nicht, ob Dennis das ahnte oder nicht, aber als ich ein paar Gels mehr einpackte, sagte er erstmal nichts.

Wir starteten nach einem gemütlichen Frühstück gegen 10 Uhr an unserem Zelt und liefen erstmal über tolle Almwiesen, vorbei an unendlich vielen Simmentaler-Milchkühen (diese sollten mich heute ständig begleiten) Richtung Bäderalpe und Bäderhorn.

Dennis bei der Bäderalpe

Nachdem wir unseren GPS-Track falsch interpretierten, endete unser erster Verhauer auch gleich mal mitten im Wald an einer wirklich steilen Böschung. Nach kurzer Zeit war aber dann der richtige Weg wieder erreicht und wir cruisten über teilweise recht technisch anspruchsvolle Passagen mit viel Geröll und großen Steinen durch die wolkige Bergwelt. Findet ihr nicht auch, dass Berge mit Wolken viel schöner als ohne aussehen?

Flo auf Irrwegen

Nach gut 1,5 Stunden standen wir dann unten im Tal. Es war klar, dass es nun die Passhöhe wieder hoch ging oder eben den Talschluss entlang und auf der anderen Seite 1200 Höhenmeter hoch Richtung Soldatenhaus und mitten rein ins Herz der Gastlosen. Dennis für seinen Teil hatte genug, aber ich glaube er sah im Funkeln meiner Augen und meinem verschmitzten Grinsen, dass mein Plan ein anderer war. Wir verabschiedeten uns herzlich und ich zog von dannen.

Flo lässt es um die Bäderalpe rollen

Soldatenhaus und Übergang

Nachdem es erstmal einen Kilometer die Straße entlang ging, bog der Weg schnell auf einen ansteigenden kleinen Zufahrtsweg ab und schlängelte sich dann über Teer, Forst und Wanderwege 1000 Höhenmeter den Berg hinauf zur Bergstation „Bärghus Gastlosen“. Die Ausblicke zwischen drin waren immer wieder richtig toll. Es lief einfach nur. Das Glücksgefühl überkam mich und es stellte sich der berühmte Flow ein. Ich atmete die nebelfeuchte Luft ein und fühlte mich einfach frei. Als ich dann nach einiger Zeit am Soldatenhaus ankam, realisierte ich dort erst bei der teuersten Suppe meines Lebens (13 CHF für eine Zwiebelsuppe), welches coole Projekte ich hier gerade absolvierte.

Blumige Aussichten

Zum Glück hatte ich noch genug Wasser in meinen Flasks, denn das Wasser am Soldatenhaus ist leider nicht trinkbar und aufgrund der zahlreichen Kuhherden im Umkreis, schenkte ich diesmal dem sogar Glauben. Leider besaß ich damals noch nicht den Befilter!

Weiter zur Grubenberghütte

Nach einer halben Stunde Pause im Warmen, ging es für mich weiter auf das nun technisch anspruchsvollste Stück direkt unterhalb der steilen Nordwände der Gastlosen entlang über den Wolfs Ort und den Grat entlang bis zur Grubenberghütte.

Es machte einfach nur Spaß zu laufen, die technisch anspruchsvollen Passagen forderten mich gerade im schnellen Downhill etwas, aber es war noch im Rahmen und wer jemals schon einen Grat entlang gelaufen ist, weiß wie Erhaben man sich dort oben fühlt. Links tolle Ausblicke, rechts fast noch bessere, davor eine zarte Linie aus Gras, Erde und Fels und darauf nur DU alleine. Awesome!

Gratlaufen...einfach toll!

Angekommen an der Grubenberghütte stellte ich fest, dass diese nur am Wochenende bewirtschaftet wird, konnte aber glücklicherweise im dortigen Toilettenhaus sauberes Wasser auffüllen, denn meine zwei Flasks waren nun nahezu leer und ich hatte noch gut 10km und weitere 700 Höhenmeter vor mir, bis ich endlich wieder bei unserem kalten Bier und Dennis auf dem Jaunpaß ankommen würde.

Da gehts runter!

Gigantischer Downhill und zacher Kuhfladen Skyrun

Von der Grubenberghütte rollt man erstmal über eine konstante Steigung bergab durch Wälder, über Wiesen und wird dann an einem schönen kleinen Höhenweg zu einer Alm ausgespuckt. Hier gönnte ich mir mal wieder ein Gel und eine Salztablette, spürte ich doch langsam etwas meine Beine. Als ich dann so in den schönen Wald einbog und mich langsam mit meinen Stöcken nach oben schraubte, ahnte ich noch nichts von dem bösen Erwachen kurze Zeit später. Ich durchquerte noch ein kleines Drehkreuz auf eine Weide und plötzlich stand ich vor ihm. Unermüdlich zog er steil und grün-braun gefleckt gen Himmel, der Kuhfladen Skyrun. Die Bewohner beäugten mich mit großen Augen und noch dickeren Eutern.

Eine ca. 35 Grad steile Wiese zog sich hier vor meinen Augen kerzengrade rund 300 Höhenmeter nach oben. Kaum ein Fleck war frei von Kuhfladen und das Gras dazu noch 40 cm hoch. Hilft ja nix dachte ich mir und versucht mich mit dem Mantra „danach geht’s nur noch bergab“ selbst zu motivieren. Ich wusste nicht was mehr brannte, meine Oberschenkel oder die Mittagssonne auf meinem Kopf, aber das war jetzt auch egal. Gefühlt wie eine Schnecke kroch ich den Hang mal seitlich gehend, mal auf die Stöcke gestützt, mal gerade laufend nach oben. Das schöne ist, irgendwann ist man immer oben sofern man einen Schritt vor den anderen setzt und nicht rückwärts kugelt. Die Sinnfrage stellte ich mir nicht nur einmal…

Am Gipfelkreuz des Kuhfladen Skyruns (hat der Wiesenguglhupf überhaupt einen Namen?) gönnte ich mir zwischen blöd glotzenden Wegbegleitern, ok ich schaute sicher auch nicht besser, erstmal ein gutes Koffeingel.

Rollen lassen zum Jaunpaß

Nun ging es wirklich nur noch bergab! JUHUUUUUUU! Ich ließ es rollen und sprang und lief erst über den Grat abwärts, dann durch Almwiesen Richtung Zetplatz und Jaunpaßhöhe.

Da komme ich her

Nach 6 Stunden, 36 Kilometern und 2000 Höhenmetern hatte ich wirklich an einem guten halben Tag die Gastlosen umrundet. Wahnsinn! Das Bier hatte ich mir jetzt echt verdient.

Hier ist der Kuhfladen-Move.

Donnerstag, 11. August 2016 – Klettern

Als wir morgens aufwachen, ist es recht kalt und der Nebel liegt noch über dem Jaunpass. Für heute haben wir uns endlich eine Mehrseilänge vorgenommen. Erst dachten wir an eine wirklich lange Tour, nachdem wir aber irgendwie diesmal dann doch im Urlaubsmodus waren und nach dem langen Trail unsere Körper auch etwas nach Erholung schrien, konnte uns ein gemütliches Frühstück dann doch mehr überzeugen.

Aus den geplanten 17 Seillängen wurde also eine gemütliche 6 Seillängen Tour, in welche wir auch noch gut um 11 Uhr einsteigen konnten. Auch wenn uns die Entscheidung kurz zum grübeln brachte, schließlich war es unser Jahresalpenurlaub, sollten wir alle doch auch auf unser Herz hören. Wenn es sich nicht richtig anfühlt, der Körper was anderes will und vor allem man nicht komplett für ein derartiges langes Projekt brennt, dann ist es eben einfach nicht der richtige Momente bzw. Tag. Die Berge stehen auch noch in Jahrhunderten und wir sollten wieder kommen, wenn wir für diese bereit sind. Der Kopf ist der wichtigste Muskel beim klettern, das hat schon der Meister Güllich himself festgestellt.

Zustieg zur Hallo Marco

Hallo Marco

Es ging gegen 9:30 Uhr gemütlich Richtung Gastlosen-Kette. Den Zustieg kannten wir bereits vom letzte Jahr, wo wir die Salü Jan geklettert sind, und so genossen wir einfach die wärmende Sonne in unseren Gesichtern während wir an den Wandfuss stiefelten. Ein herrlicher Tag! Es war hier wirklich nichts los und so sind wir – neben einer anderen Seilschaft in der Nachbarroute – die einzigen in der Wand. Die Route schlängelt sich über Wasserrinnen und gut strukturierten Kalk mit einer 6a-Platte und einem 6a+ Überhang als Schlüsselstellen stetig gen Himmel. Während die ersten Seillängen durch tolle Wasserrinnen im homogen Grad zwischen 5b und 5c nach oben führen und immer an guten Standplätzen enden, warten die letzten Seillängen dann mit den zwei Schlüsselstellen auf. Den Überhang gehe ich im Vorstieg an und nachdem dieser gut strukturiert ist und ettliche gute Griffe aufweist, muss man zwar paar mal kräftig anziehen, ist dann allerdings schnell darüber. Puh, zum Glück einfach als es ausgesehen hat, dachte ich mir in diesem Moment.

Flo in den Wasserrinnen der Hallo Marco

Als Dennis am Stand ankommt, geht es für ihn gleich weiter. Wenige Minuten später höre ich ihn nur fluchen, offensichtlich hat er die 6a-Plattenstelle erreicht. Wie ich später herausfinden musste, war diese aufgrund einer kleinen, sehr ausgesetzen Querung mit einem kurzen Run-out wirklich sehr griffarm und nicht ganz ohne. Ich bin froh, ohne Sturz am Stand anzukommen.

6a-Platte...kein Spaß!

Die letzte Seillänge bietet dann gemütliches ausklettern und so genießen wir dann am Ausstieg die warmen Sonnenstrahlen bevor wir alle Seillängen wieder abseilen.

Dennis in der letzten Seillänge der Hallo Marco

Der Abend ist dann wie gewohnt von bloggen, essen und chillen im Aufenthaltsraum unseres Campingplatzes geprägt. Vorher lassen wir es uns allerdings nicht nehmen mit den kleinen schweizer Nachbarjungs ein schönes Lagerfeuer zu veranstalten.

Kids und Lagerfeuer

Arête Spéciale – klettern im Bieler Jura

Gegen 8 Uhr stehen wir auf und Frühstücken in Ruhe. Das Wetter war noch gut, aber unsere Motivation dieses Jahr nicht immer die beste. Nachdem Dennis noch etwas Zeit mit Elena am Wochenende verbringen möchte und ich ebenso auch mein letztes Urlaubswochenende gut in Freiburg genießen kann, entscheiden wir uns zusammen zu packen und über den Bieler Jura nach Freiburg zu fahren.

In Moutier wurden wir fündig und entschieden uns noch die Arête Spéciale (bis 5c) zu klettern. Der Einstieg zu der Route war eigentlich fast das abenteuerlichste. Man überklettert erstmal eine Absperrung auf eine kleine Brücke bevor man über einen metallversicherten Uferweg unter den Bahnschienen entlang klettert, welche man dann wenig später an einem Tunnel überklettert. Dann geht es auch schon zum Einstieg und in 5 Seillängen in schönstem Jura auf einem Grat gen Gipfel. Die Kletterei ist bis auf das kurze 3er Zwischenstück sehr homogen. In den letzten zwei Seillängen wartet mit zwei 5c-Schlüsselstellen die Crux. Vom Ausstieg folgt man dem Weg bis zum kleinen Gipfel und steigt dann auf dem Wanderweg in ca. 30 Minuten wieder zum Parkplatz ab. Die Route bietet schöne Ausblicke auf das Tal von Moutier und erinnert mich fast ein bisschen an meine Heimat, die fränkische Schweiz.

Gegen Abend stoßen wir dann im Biergarten in Freiburg auf diese tollen Tage an. Auch wenn es diesmal vielleicht nicht die großen Projekte waren, war es dennoch ein toller Urlaub. Er hat mir gezeigt, dass man nicht immer riesige Projekte abhacken muss, sondern auch kleine Touren mit guten Freunden erfüllende Erlebnisse liefern können.

Flo
Flo

2 Kommentare

  1. Sabrina sagt:

    Die Umrundung ist ganz nach meinem Geschmack! Sehr cool! Klingt aber generell auch nach einem schönen Gebiet. 🙂

    LG Sabrina

    • Flo sagt:

      Hey Sabrina, ja die Gastlosen sind wirklich toll! Da müsst ihr mal hin. Sagt dann aber Bescheid. Von Freiburg bin ich da in 2 Stunden, dann komme ich rum! 🙂
      LG
      Flo

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