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Gedankenspiele: Hartes oder Schönes klettern? Oder beides?

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Wer, wie, was?

Da postet Martin von der Alpinfabrik (übrigens eine klare Leseempfehlung!) in einer der zahllosen Facebook Klettergruppen Bilder der Einrichtung und Rotpunkt-Erstbegehung seiner neuen Route. Eine Mehrseillängentour im 9. UIAA-Schwierigkeitsgrad. „Respekt“ denke ich mir und nachdem ich ihm diesen ausgesprochen hatte und scherzhaft meinte „Wenn ich mal groß bin, klettere ich so was auch.“ kamen wir so ins philosophieren.

Hartes oder Schönes klettern?

Das Gipfelerlebnis macht mit einem guten Freund noch am meisten Spaß.Was ist denn nun wichtiger? Zählt der reine Schwierigkeitsgrad beim Klettern? Oder überwiegen doch eher andere Faktoren bei der Frage, ob man sich für Hartes oder Schönes entscheidet? Vielleicht geht ja sogar beides gleichzeitig!? Natürlich sind beide Begriffe sehr subjektiv. Jemanden, der keine Plattenkletterei mag, der wird auch in einer wunderschönen Plattenroute wenig Spaß haben.

Nun, ich persönlich unterscheide da vor allen Dingen nach der Art der Kletterei. Beim Sportklettern geht es mir schon mehr um den Schwierigkeitsgrad und darum zu gucken, was so geht. „Vollgas, rauf da!“ lautet da oftmals die Devise, auch wenn ich natürlich als schön bezeichnete Routen vorziehe. Beim Sportklettern jedenfalls gehe ich gerne an meine Leistungsgrenze, manchmal auch darüber hinaus. Von reinen Schwierigkeitsgraden soll man sich ja nicht abschrecken lassen, also darf es auch gerne mal was sein, von dem ich nicht weiß, ob ich die Tour schaffe. Und wenn eine Route partout nicht geht, dann kommt man eben wieder runter und gut ist.

Beim Klettern von Mehrseillängen hingegen, egal ob sportklettermäßig oder alpin abgesichert, zählt für mich eher das, wie Flo es immer so schön nennt, Gesamterlebnis. Die Mischung aus einer schönen Tour mit toller Kletterei, einem Gipfelerfolg und das alles mit dem richtigen Partner. Das geht natürlich in so ziemlich allen Schwierigkeitsgraden und sowieso ist da ja jeder in unterschiedlichen unterwegs. Bei Mehrseillängen bin ich etwas konservativer, würde eher einen Grad leichter klettern, als einen härter. Vor allen Dingen dann, wenn nicht beide aus der Seilschaft die Tour noch mit Spaß schaffen können, denn quälen will ich mich hier eher weniger.

Beim Sportklettern geht man eher mal ans Limit. Das Gesamterlebnis einer schönen Tour geht weit über den reinen Schwierigkeitsgrad hinaus.

 

Mehr Training, ein neuer Kletterpartner, dann geht das!

Natürlich ist in Sachen Limit meist noch Luft nach oben. Mehr und/oder intensiveres Training und die Leistungsfähigkeit klettert (welch Wortwitz) in neue Sphären. Da stellt sich mir aber die Frage nach dem zu erbringenden Aufwand und dem Preis, den man dafür bereit ist zu zahlen. Ich sprech‘ da jetzt einfach mal von mir selbst. Beim Sportklettern bin ich aktuell, je nach Gebiet und Art der Kletterei, im (oberen) achten Grad unterwegs. Wenn ich mir nun vornehmen würde, die besagte Mehrseillänge im neunten Grad zu klettern, dann muss da vorher einiges passieren!

Ein Punkt, durch den man oftmals schnell Fortschritte macht ist ein besserer Kletterpartner. Hat man das Glück, dass der Kumpel oder Partner eine Ecke besser klettert als man selbst, kann man sich natürlich viel abgucken. Gerade in Mehrseillängen hat der „schlechtere“ Kletterer so ein Plus an Sicherheit im Gepäck. Schafft er eine Seillänge einfach nicht, dann kann immer noch der Partner einspringen und das Ding wegziehen. Das war auch einer der Vorschläge in der Diskussion, einfach einen neuen Kletterpartner suchen…

Der Kletter-/Bergpartner als bester Kumpel

Am Ende einer schönen Mehrseillängentour bleiben gemeinsame ErinnerungenAber hier kommt wieder das erwähnte Gesamterlebnis ins Spiel. Ich möchte das Erlebte mit meinem Kletterpartner teilen!

Nicht erst bei der nächsten Tour in ein paar Wochen, sondern vielleicht auch beim Bierchen nach der Arbeit gleich übermorgen. Da geht es so manches Mal um Erlebnisse, über die man quatschen, scherzen, lächeln oder sich ärgern möchte. Momente, die man so nie wieder erleben wird oder die man so vielleicht auch gar nicht mehr erleben möchte. Momente, die einmalig toll oder doof waren. Solche Dinge teile ich einfach lieber mit einem guten Freund als einem „Nur-Kletterpartner“.

Beim Mehrseillängenklettern hängt man irgendwie noch mal mehr zusammen, als beim reinen Sportklettern. Du suchst dir eine Route gemeinsam aus, sprichst sie durch und überlegst, wer welche Seillängen vorsteigen soll. Da bringt es nichts, wenn einer Achter und der andere Fünfer klettert, man muss Kompromisse eingehen, sich aufeinander einlassen und den anderen zu deuten wissen. Da ist Ehrlichkeit einfach wichtiger als beim Sportklettern. Geht’s beiden gut, sind beide fit? Sollte einer Bedenken haben oder merken, dass einfach nichts mehr geht, dann muss man das äußern. Dann hilft es auch nichts, wenn man sich hinterher über den Schwächelnden ärgert. Man hängt zusammen am Seil und wenn einer nicht mehr kann, dann dreht der andere mit um, so einfach ist das.

Bei Flo und mir reicht meist ein Blick ins Gesicht des anderen, ein Deut der Bewegungen und wir wissen, wie es dem anderen geht. Da brauchen wir nicht viele Worte machen, wir kennen uns lange und gut genug um ziemlich sicher sein zu können, was wir uns noch zumuten können.

In Erinnerungen schwelgen

Es gibt Touren, an die denke ich heute noch regelmäßig. Und nicht nur das, Flo und ich unterhalten uns auch häufiger noch darüber.

Unsere erste Mehrseillänge, immer noch im Gedächtnis Geschafft! Stolz nach unserer ersten Mehrseillänge. Anstrengend war's!

 

Da wäre beispielsweise unsere erste gemeinsame Mehrseillänge auf Mallorca. Eine tolle Tour, bei der wir aber so ziemlich jeden organisatorischen Fehler gemacht haben, den man sich bei einem Anfänger so vorstellen kann. Es ist alles gut gegangen und wir sind heil wieder im Tal angekommen, aber die Erinnerungen daran bringen uns immer noch zum Schmunzeln.

Genauso verhält es sich mit unserer Tour am Salbitschijen Südgrat. Eine objektiv gesehen nicht schwierige Tour, deren Länge es aber macht. Von nicht eingepackten Eispickeln für den Abstieg über das Unwohlsein von Flo, die Begehung ist uns auch heute noch sehr präsent und oft schwelgen wir in den Erinnerungen daran.

Beim Bergsteigen ist das noch mal intensiver.

Einer unserer ersten gemeinsamen 4000er, das Weissmies. Erschöpfung? Alles vergessen! Wir stehen auf dem Gipfel des Mont Blanc und nur das zählt!

 

Während unserer Liskamm-Überschreitung oder der Mont Blanc Überschreitung gab es ebenfalls die eine oder andere Situation, in der nicht gerade alles rosig war. Puh, wir haben alles überstanden und heute lachen wir drüber, aber in den jeweiligen Momenten bist du schon froh, wenn du einen Seilpartner hast, den du bestens kennst und mit dem du dich auch ohne Worte verstehst.

Na ja, ich schweife ab. Kommen wir zurück zum Klettern.

Natürlich kann man ebenso in einer, um auf unser Beispiel von oben zurückzukommen, 9er-Tour dieses besagte Gesamterlebnis haben. Aber dafür müssen eben auch beide Seilpartner halbwegs sicher in diesem Grad klettern. Ist einer eher im oberen sechsten Grad unterwegs, wird er wenig Spaß an einer 8er oder 9er Mehrseillänge haben. Dann sprechen wir wohl eher von Qual als von Spaß 🙂

Schöne und schwere Risskletterei in Ettringen. Vollgas beim Klettern geben, da bietet sich die Fränkische Schweiz an.

 

Schweres Zeug bleibt auch im Kopf!

Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein paar schwere, in meinem Fall, Sportkletterrouten, die mir immer präsent sind, an die ich jederzeit gerne denke. Diese Routen sind dann allerdings eher mein Ding. Man erlebt Routen beim Sportklettern einfach anders. Unten steht zwar der Sicherungspartner, aber man ist mehr auf sich allein gestellt. Auch wenn der Partner, der dich sichert, die Tour im Anschluss vielleicht selbst geht, es ist einfach etwas anderes. Du kletterst, powerst dich aus, kommst wieder runter und dann steigen die anderen ein. Und so kommt es, dass man zwar auch über Sportkletterrouten gemeinsam philosophiert, das ist aber mehr ein sich austauschen über die Route, als über das gemeinsame Erlebnis.

Fazit

Während unserer Trainerausbildung mussten wir auch Gas geben. Eine der eindrücklichsten Touren, 2015 am Grand Capucin.Also was denn nun? Schwer, schön oder beides?

Letztendlich macht’s wohl die Mischung. So oder so bin ich bei der Wahl meiner Kletter-/Bergpartner recht pingelig. Das mag an schlechten Erfahrungen liegen, die ich gemacht habe oder einfach nur daran, dass ich meine Freizeit mit Leuten verbringen möchte, die ich mag. Mir ist es wichtig, meine Erlebnisse an Fels und Berg mit Freunden zu teilen und dennoch ist es natürlich super, wenn man immer mal wieder neue Leute kennenlernt.

Wichtig ist, dass wir unsere Zeit draußen genießen! Die Zeit, die wir mit unseren Lieblingsbeschäftigungen verbringen. Ob wir nun am Fels um die Ecke ein paar Routen abspulen oder ein großes Abenteuer planen ist dabei erstmal zweitrangig.

 

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Dennis
Dennis
Flachlandtiroler und Bergliebhaber! Im normalen Leben IT’ler, ab und an auch Klettertrainer, aber am liebsten selbst in den Bergen unterwegs. Ob im Fels oder Eis ist eigentlich egal, Hauptsache rauf da!

4 Kommentare

  1. Niels sagt:

    Hallo Dennis,
    Schöner Beitrag auf Eurer Seite. Ich möchte einmal versuchen, meine „two Cents“ dazuzugeben:

    Im Grunde stellst Du in dem Artikel die Frage danach, was einen glücklicher macht, die reine sportliche Herausforderung oder das gemeinsame sportliche Erlebnis mit einem Partner. Fragen dieser Art beschäftigen die Glücksforschung (Happiness) bzw. Vertreter der positiven Psychologie (z.B. Prof. Martin Seligman). Für meine Einschätzung zu Deiner Fragestellung beziehe ich mich auf einen Fachartikel von Peterson et al. aus dem Jahr 2005. ANMERKUNG: An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich hinsichtlich der Happiness Forschung bzw. der Positive Psychology nicht vom Fach bin. Insofern stellen meine nachfolgenden Überlegungen keine Expertenmeinung dar!

    In ihrem Artikel unterscheiden die Autoren drei Orientierungen zum Glück und setzen diese in Beziehung zur „Zufriedenheit mit dem Leben“. Diese drei Orientierungen sind (1) „Pleasure“, (2) „Engagement“ bzw. „Flow“ und (3) „Meaning“. Lass‘ mich Deine beiden Optionen das Klettern zu genießen ein wenig ergänzen, um die drei Orientierungen zu erläutern:

    A) Anstatt selbst zu klettern, könnten z.B. Robert und ich uns am Fuß der Wand hinstellen, Flo und Dir beim Klettern zuschauen und dabei ein Bier nach dem anderen trinken. Vermutlich hätten wir dabei viel Spaß (auch wenn ich ja eigentlich gar kein Bier mag ^^). Dies wäre ein Beispiel für „Pleasure“.
    B) In der Wand eine schwierige Route zu klettern, egal mit welchem Partner, dafür aber immer so gerade an der Grenze des persönlich machbaren, ist ein klassisches Flow-Erlebnis. Nach der Einschätzung von Peterson et al. (2005) führt Flow zu „Joy“, also Freude, die sich aber erst nach der eigentlichen Tätigkeit zeigt, nicht wirklich während. Wenn man in der Wand hängt und die Muskeln brennen ist das ja nicht wirklich ein Hochgenuss. Erst das Erlebnis, es geschafft zu haben begeistert uns und macht uns süchtig nach der nächsten Route.
    C) Nehmen wir an, Du gehst mit einem Kind klettern und Du sorgst dafür, dass die Person nach dem Erlebnis mit leuchtenden Augen nach Hause geht. Dann hattest Du vermutlich kein direktes Flow-Erlebnis, aber eine tiefe Zufriedenheit weil Du jemandem geholfen hast, einen Traum wahr werden zu lassen. Das ist „Meaning“.

    Interessanterweise weisen Peterson et al. darauf hin, dass Flow und Meaning die Zufriedenheit mit dem Leben stärker zu beeinflussen scheinen als Pleasure. Mit anderen Worten, etwas erreicht oder bewirkt zu haben erzeugt mehr Zufriedenheit als Spaß gehabt zu haben. Des Weiteren zeigt sich in ihrer Studie, dass Menschen, die in allen drei Orientierungen hohe Werte haben, eine hohe Zufriedenheit mit dem Leben aufweisen und umgedreht eine deutlich niedrigere Zufriedenheit bei Menschen mit niedrigen Werten in allen drei Orientierungen.

    So, die Frage ist nun, was Deine oben genannte zweite Option ist, nämlich mit einem guten Freund klettern gehen (wenn auch nicht ganz am Limit der eigenen Fähigkeiten). Ich denke, hier kommen Aspekte von allen drei Orientierungen zum Tragen. Da ist die Unterhaltung, das Entspannende, das Herumalbern und das abendliche Bier (Pleasure). Da ist aber auch der gemeinsame sportliche Erfolg (Flow) und nicht zuletzt eine Freundschaft vertieft zu haben, das Vertrauen ineinander gestärkt zu haben (schließlich hat man ja sprichwörtlich das Leben des anderen in der Hand), was wohl unter Meaning zu verbuchen ist. Ob nun ein solches Gemeinschaftserlebnis einen höheren Zufriedenheitsbeitrag als ein reines Flow-Erlebnis hat, kommt vermutlich sehr auf den Mix an: Wie viel bedeutet Dir der Partner? Wie groß oder klein war die sportliche Herausforderung? Stand Spaß im Vordergrund der gemeinschaftlichen Tour oder der gemeinschaftliche Erfolg?

    Meine Hypothese ist, wenn das Gemeinschaftserlebnis ein guter Mix aus allen drei Orientierungen ist bzw. eine Tendenz zu Flow und Meaning hat, dann dürfte solch eine Tour in seiner Wirkung auf die Zufriedenheit mit sich und dem Leben schwer zu übertreffen sein.

    So, ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel ‚rum gesponnen.

    Gruß,
    Niels

    Referenz:
    Peterson, C., Park, N., & Seligman, M. E. (2005). Orientations to happiness and life satisfaction: The full life versus the empty life. Journal of happiness studies, 6(1), 25-41.

    • Dennis sagt:

      Wow Niels! Da hast du es jetzt aber mal krachen lassen mit deinem Kommentar!
      Eigentlich gibt es dem kaum noch etwas hinzuzufügen. Der Mix aus allen drei Orientierungen macht es eben aus, aber hin und wieder überwiegt eben auch mal der Flow-Aspekt, wenn man an einem Tag einfach mal nur Vollgas geben möchte. Was ich sehr gut kenne, in meinem Artikel allerdings gar nicht erwähnt hatte ist das „Meaning“. Gerade in meinen Kursen oder wenn ich z. B. mal meine Neffen (oder auch deine 😉 ) mit zum Klettern nehme und sehe, wie viel Spaß die Leute haben, dann gibt mir das tatsächlich ein wohliges, warmens Gefühl von Zufriedenheit.

      Gruß
      Dennis

      • Niels sagt:

        Danke für die netten Worte, Dennis.
        Übrigens: Selbstverständlich hattest Du Meaning in Deinem Artikel (implizit) erwähnt. Du sprichst davon, dem Anderen körperlich (durch Vorsteigen) und mental (am Lyskamm) zu helfen. In beiden Fällen schafft die andere Person etwas, was sie alleine nicht gekonnt hätte, ihr aber wichtig ist. Das sind nach meinem Verständnis Elemente von Meaning.

        Bis bald mal wieder,
        Niels

  2. […] euch dazu auch mal unseren Artikel „Gedankenspiele: Hartes oder Schönes klettern?“ an […]

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